Märkergeschichte: Anfangsjahre 1910-1914
24.05.2009 - Autor: Kuckuck - Keine Kommentare »
Die aktiven Gründer im WS 1910/11. Stehend: Viktor Schramm (Wf), Heinz Ziegler (Wf), Wilhelm Moser (R-P). Sitzend: Georg Glasneck (R-P), Edwin Feyer (R-P), AH Heinrich Lütke (Bal, FcA), Hans Abmeier (Sx, Sal), Josef Ukoszek (Sal). Der Fux Franz Muschalle fehlt.
Im Herbst 1905 wurde in Breslau mit dem Bau einer Technischen Hochschule begonnen und schon bald war abzusehen, dass man im Wintersemester 1910/11 mit der Lehrtätigkeit beginnen konnte. Auf der 44. Cartellversammlung im Jahre 1908 diskutierte man erstmals, ob eine CV-Verbindung an der neuen TH gegründet werden solle. Zunächst führten jedoch Bedenken der KDStV Baltia Danzig zum Abbruch der Debatte.
Aber die Idee selbst war geboren und wurde vom Schlesischen CV und dem Breslauer Altherren-Zirkel weiter verfolgt. Letzterer wandte sich zunächst an die übrigen CV Altherren-Zirkel in Schlesien mit dem Ziel der Gründung eines AH-Verbandes der CVer Schlesiens. Zu dieser kam es auf einem gemeinsamen Convent mit anschließendem Kommers am 26. April 1910. Direkt im Anschluss an die Gründung des Verbandes folgte der entscheidende Punkt der Tagesordnung: “Vorbereitung der Gründung einer neuen CV-Verbindung an der TH Breslau“.
Vorbereitungen zur Gründung einer neuen CV-Verbindung
Im Rahmen der Beratungen wurde zunächst beschlossen, dass die bisherigen drei Breslauer Cartellverbindungen Winfridia, Rheno-Palatia und Salia bis zum 30. Juni 1910 bindend erklären sollten, wie sie zu einem möglichen Übertritt von Mitgliedern in die neue Verbindung stehen würden und welche Mitglieder zu einem solchen Übertritt bereit seien. Außerdem warb man in einem Schreiben an alle CV-Verbindungen für die Neugründung und zerstreute zudem mögliche Bedenken in finanzieller Hinsicht, da die erfoderlichen Mittel bereits von der Altherrenschaft Schlesiens aufgebracht worden seien. Tatsächlich gingen Spenden in Höhe von 1380 Mark ein, so dass der finanzielle Rahmen gesichert war und man mit der eigentlichen Gründung beginnen konnte.

WS 1911/12: Kneipe zur Feier der Fusion mit Rheno-Saxonia in Marchias Verkehrslokal Mergner in der Neuen Gasse.
Gründung der KDStV Marchia
Auf den Aufruf zum Übertritt in die neue Verbindung meldeten sich acht Cartellbrüder: Viktor Schramm (Wf), Heinz Ziegler (Wf), Franz Muschalle (Wf), Georg Glasneck (R-P, trat später aus), Wilhelm Moser (R-P), Edwin Feyer (R-P), Hans Abmeier (Sx, Sal) und Josef Ukoscek (Sal). Zwischenzeitlich erteilte Kaiser Wilhelm II. am 20. Juli 1910 dem Verfassungsstatut der TH seine landesherrliche Genehmigung, behielt sich aber das Recht vor, den ersten Rektor der neuen Hochschule selbst zu ernennen. Seine Wahl fiel dabei auf Prof. Dr. phil. Rudolf Schenck, der zuvor als Ordinarius für physikalische Chemie an der TH in Aachen lehrte. Diese Entscheidung sollte für die zu gründende Verbindung von großer Bedeutung sein, denn er war Doktorvater des jungen, kurz vor der Promotion stehenden Dipl.-Ing. Heinrich Lütke (AH von Franconia Aachen und Baltia Danzig), weshalb dieser ihm somit von Aachen nach Breslau folgte. Er wurde so nicht nur der erste Dr.-Ing. der neuen TH, sondern auch der erste Senior der KDStV Marchia, die am 22. Juli 1910 in aller Stille gegründet wurde.
Der Name Marchia wurde von der Mark Brandenburg abgeleitet, die auch Pate für den märkischen Adler im Wappen und die Grundfarben rot-weiß stand. Als Wahlspruch nahm man “Mens agitat molem!” an, ein Spruch der sich im Fries des Institutsgebäudes für Physikalische Chemie (heutiger Standpunkt des Super C) der TH Aachen befand und vom Gründungssenior und Aachener Ingenieur Lütke vorgeschlagen wurde.

SS 1912: Verbindungsausflug. Marchia zählte damals 8 aktive Burschen, 4 Füchse und 2 Inaktive am Ort, zusammen 14. Von diesen waren 3 Theologen im Konvikt. Es ist daher zu vermuten, dass das Bild die gesamte Aktivitas ohne die Theologen zeigt. Bekannt sind FM Raymund Siedenbühl und Fritz Frerich (mitte sitzend). Die Füchse (re. u. li. vom FM) sind Lorenz Klose u. Georg Pollak.
Am 10. September 1910 teilte der Rektor der TH rechtzeitig vor dem Beginn des Wintersemesters mit, dass er von der Konstituierung der KDStV Marchia an der Königlichen Technischen Hochschule gern Kenntnis genommen habe. Außerdem wurde die Heimfrage geklärt, indem vom Wirt Mergner in der Neuen Gasse 25 zwei Zimmer günstig angemietet wurden. Natürlich wurden auch Wichs und Fahne angeschafft, so dass man am 22. Oktober 1910 mit Couleur in das erste Semester starten konnte.
Aufnahme in den Cartellverband
Aber die nächste wichtige Aufgabe der jungen Verbindung stand direkt bevor, wollte man doch in den Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen aufgenommen werden. Dazu war bereits auf der Cartellversammlung August 1910 in Ausgburg der Grundstein gelegt worden, denn nachdem die Konstituierung mit stürmischen Beifall begrüßt wurde, entschied man dort einstimmig eine einmalige Ausnahme zur Geschäftsordnung des CV, die eine schriftliche Abstimmung über die Aufnahme außerhalb der Cartellversammlung vorsah. So musste Marchia nicht bis zum Sommer 1911 warten, sondern konnte bereits am 3. November 1910 das Aufnahmegesuch an den amtierenden Vorort Rheno-Franconia abschicken. Dieser rief zur schriftlichen Abstimmung auf und konnte, da bis Ablauf des Abstimmungstermins keine Ablehnungen eingingen, am 19. November 1911 telegraphisch mitteilen, dass das Aufnahmegesuch einstimmig angenommen sei.
Hinzu kam eine weitere Besonderheit: Obwohl Marchia nicht durch Teilung einer CV-Verbindung entstanden war, wurde sie als “echte” Gründung des CV angesehen. Dadurch entfiel die eigentlich übliche Probezeit als “Freie Vereinigung” und Marchia wurde mit direkter Wirkung vollwertiges Mitglied des CV.

Erstes Verbindungsheim in Breslau Karlstraße 44 vom 1.1.1912 - Herbst 1921. Marchia hatte die 1. Etage gemietet. Über dem Mittel-Fenster das Wappenschild.
Vom 23. bis zum 25. November 1910 konnte man nun voller Stolz das Publikationsfest feiern, am 23. November 1910 wurde in der Kapelle des St. Josephstiftes die Fahne feierlich geweiht. Zu den regelmäßigen Veranstaltungen des ersten Semesters erschienen viele hiesige Cartellbrüder und somit wurde ein Anliegen der Gründer auf’s Schönste bestätigt: Marchia, aus den drei Breslauer Cartellverbindungen hervorgegangen, trug ihrerseits zu einem immer engeren Zusammenschluss des CV bei.
Fusion mit Rheno-Saxonia Coethen
So waren zunächst alle Weichen gestellt, damit die junge Marchia einer großen Zukunft entgegenblicken konnte. Doch das Schicksal meinte es zu Beginn gar nicht gut mit der Neugründung, denn die Zahl der Immatrikulierten an der TH blieb recht überschaubar, wodurch das verbriefte Recht, als einzige Breslauer CV-Verbindung Techniker aufnehmen zu dürfen, keinen nennenswerten Vorteil brachte. Hinzu kamen zum Sommersemester die ersten Abgänge der Gründungsmitglieder (Lütke verließ Breslau als frischgebackener Dr.-Ing., drei weitere wechselten die Universität) und auch der erste selbst recipierte Fux kehrte nicht mehr zurück. Letztlich ist es dem Zugang aus dem Cartell zu verdanken, dass immerhin die Chargen besetzt werden konnten.
Die Wende zum Guten kam ein knappes Jahr nach der Gründung aus unverhoffter Richtung: Die 1896 gegründete katholische farbentragende Verbindung Rheno-Saxonia Coethen versuchte 1907 und 1910 als befreundete Verbindung des CV anerkannt zu werden. Doch beide Anträge scheiterten, insbesondere da die Verbindung an einem Polytechnikum und nicht an einer Hochschule ansässig war, wodurch sie auch kein zwingendes Maturitätsprinzip besaß. Am Wunsch nach Anschluss an einen größeren Verband änderte dies aber nichts, denn es war klar, dass der Verbindung in der Isolation keine blühende Zukunft bevorstand. So kam es im SS 1911 zu einem Generalconvent, der über die Zukunft der Verbindung entscheiden sollte. AH Wilczek warf, nachdem alle vorherigen Vorschläge zur Aufgabe des Prinzips religio geführt hätten und somit nicht angenommen wurden, ein, dass man mit der an der Breslauer TH gegründeten Marchia fusionieren könne. Immerhin würden die Rhein-Sachsen so auf Umwegen in den CV gelangen und die personell schwächelnde Marchia könne auf einen Schlag um 20 Aktive und Inaktive, 30 Alte Herren und vier bis fünftausend Mark aus dem Heiminventar der R-S reicher werden.
Folglich nahm man Kontakt nach Breslau auf und verabschiedete nach erfolgreichen Verhandlungen am 2. Juli 1911 ein Fusionsstatut, dass den Übergang von Mitgliedern und Vermögen der Rheno-Saxonia in die Marchia regelte. Aktive Mitglieder, die nicht nach Breslau übergingen, oder die nicht über ein Reifezeugnis einer neunklassigen höheren Schule vefügten, sollten als Conkneipanten, alle übrigen und die Alten Herren sollten unter Anrechnung aller Couleursemester als vollwertige Mitglieder der Marchia aufgenommen werden. Einzig die Zustimmung der Cartellversammlung fehlte noch, wodurch das Prozedere weiter verzögert wurde. Der Vorortspräsident Reisetbauer (Carolina Graz) fürchtete Schwierigkeiten und empfahl, die C.V. nicht vor vollendete Tatsachen zu stellen, sondern den schon geschlossenen Vertrag ruhen zu lassen und zunächst unter Einreichung aller Unterlagen um Rat zu fragen. Marchia folgte dem wohlgemeinten Rat und bekam im Gegenzug die Zusage zur Unterstützung des Anliegens durch den VOP.
Leider konnten aber zur nächsten Versammlung nicht alle Unterlagen beschafft werden, so dass Abstimmung zugunsten des Fusionsvertrages nur als provisorisch anzusehen war. Erst nachdem alle Unterlagen nachgereicht wurden, teilte der Vorort am 9. Januar 1912 mit, dass der Vertrag zu Recht bestehe. Damit wurde der Grundstein für eine weitere, gute Entwicklung der Verbindung gelegt.
Weitere Entwicklung bis zum 1. Weltkrieg
Die neuen Möglichkeiten, die die Fusion mit sich brachte, nutzte man schon während die Entscheidung des Cartellverbandes zur Fusion noch auf sich warten ließ, indem man sich um ein erstes eigenes Heim bemühte. Fündig wurde man in der Karlstraße 44, wo man zum 1. Januar 1912 einzog und bereits vom 19.-21. Januar das 1. Stiftungsfest, das zugleich das Verbrüderungsfest mit den neuen Bundesbrüdern der Rheno-Saxonia war, feiern konnte. Außerdem wurde damals schon der Märkerheimverein gegründet.
Schnell durfte man feststellen, dass ein eigenes Heim die beste Werbung ist, denn im Laufe des Wintersemesters verstärkten neben den Rheinsachsen auch mehrere Cartellbrüder die Reihen der Marchia. Doch diese Entwicklung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der eigene Nachwuchs recht schwach ausfiel. Um dem Problem zu begegnen wurden, neben üblichen Aktivitäten zur Nachwuchswerbung, durch den Convent versuchsweise Erleichterungen für Theologiestudenten beschlossen. Denn die strengen Regeln des Konviktes der Diözese Breslau sahen eine Toresschließung um 19 Uhr vor, wodurch den Theologen die Mitgliedschaft in einer Verbindung ohne solche Erleichterungen kaum möglich war. So konnten im Sommersemester die ersten vier Ur-Märkerfüxe, davon drei Theologen, aufgenommen werden.
Damit schien der Bann endgültig gebrochen: Zum Ende des Sommersemesters 1913 zählte Marchia 45 Studierende, 47 Alte Herren und acht auswärtige Bandinhaber. Mit 33 Ortsansässigen nahm man gemeinsam mit Salia den zweiten Platz hinter Winfridia unter den Breslauer Verbindungen, nach Mitgliedern im Cartellverband mit 80 Koprporationen den 37. und unter den Verbindungen an Technischen Hochschulen nach Vindelicia und Franconia Aachen den dritten Platz ein. Das Verbindungsleben stand in voller Blüte und entwickelte sich prächtig, als plötzlich die Zeit unbekümmerten Studentenlebens ein Ende fand.
Am 1. August 1914 befahl der deutsche Kaiser Wilhelm II. die Mobilmachung, eine Stunde später wurde Rußland der Krieg erklärt.
Dieser Artikel ist eine starke Zusammenfassung der Seiten 15-32, 228 und 237-240 aus:
Gelhoit, Heinz: 75 Jahre KDStV Marchia (1910-1985). Paderborn: Selbstverlag, 1985.
Ebenso stammen die einzelnen Fotografien auf dieser Seite aus dem genannten Buch. Genaue Angaben finden sich nach einem Klick auf das jeweilige Foto.
An dieser Stelle sei ein Dank an Bundesbruder AH Heinz Gelhoit für seine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit als Archivar der Verbindung, sowie ihm und seinen Helfern für die Zusammenstellung des Buches ausgesprochen.
Die Reihe auf dieser Webseite wird in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt.



